ID.3: Software alles im Plan?

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    • ID.3: Software alles im Plan?

      In der Welt am Sonntag war heute ein Bericht über Zwickau und den ID.3 im allgemeinen:

      Als die Mauer 1989 fiel arbeitete Jörg Hohmuth in der volkseigenen Fertigung von Gelenkwellen für den sächsischen Fahrzeugbau. Nach der deutschen Einheit fing er bei Volkswagen an. In Zwickau zog Deutschlands größter Automobilkonzern damals ein neues Werk hoch. Mit Systembrüchen kennt sich Hohmuth insofern aus, gerade steckt er wieder einmal mittendrin. Und diesmal organisiert er ihn selbst.

      In der Halle 5 des Volkswagenwerks begann im November 2019 die Produktion des ersten komplett neu entwickelten Elektroautos der Marke VW, des ID.3. Volkswagen, führender Automobilhersteller der Welt, will mit der Baureihe den Schritt in die Elektromobilität wagen. Ob das gelingt, entscheidet sich hier im Süden Sachsens. Hohmuth und sein Team sind verantwortlich für die Anpassung der Karosseriefertigung im Werk. Das bringt etliche Neuerungen im Produktionsprozess mit sich - vor allem noch mehr Automatisierung.

      Die Zahl der Roboter im Karosseriebau steigt von 1200 auf 1600, der Automatisierungsgrad von 85 auf 91 Prozent. „Vor einigen Jahren arbeiteten hier 25 Leute je Schicht, jetzt noch neun", sagt Hohmuth. “Viele meiner Kollegen waren anfangs überrascht, wie radikal die Neuausrichtung geplant wird. Die meisten Mitarbeiter erkennen inzwischen aber, dass das sinnvoll und nötig ist."

      Bis zum Start der Auslieferung in ganz Europa im Sommer will Volkswagen insgesamt rund 50.000 ID.3 bauen und die nötige Software für die aufwendigen Computersysteme an Bord aufspielen. Die Tagesproduktion wird regelmäßig gesteigert, derzeit liegt sie bei 70 Fahrzeugen. Man sei genau im Zeitplan, sagt Reinhard de Vries, Geschäftsführer des Werkes für Technik und Logistik. Er widerspricht damit Behauptungen, die Software bereite Volkswagen Probleme: „Sie wird erst ganz zuletzt in der dann aktuellen Version aufgespielt, ähnlich wie bei Smartphones." Wollen die deutschen Hersteller marktfähig bleiben, müssen sie weg vom klassischen Verbrenner - sei es mithilfe batterieelektrischer Antriebe, mit Wasserstoff-Brennstoffzellen oder mit Kolbenmotoren für synthetische Kraftstoffe. Volkswagen setzt zunächst voll auf die batterieelektrischen Antriebe. Die Konzerntochter Porsche bringt gerade ihr erstes reines Elektroauto an den Markt, den neu entwickelten Taycan. Für das Massengeschäft hat Volkswagen den ID.3 geschaffen.

      Auf dessen Plattform werden zudem auch Modelle für die Konzernmarken Audi, Skoda und Seat gebaut. Bis zum Jahr 2030 will Volkswagen den Absatz von Elektroautos in seinen Kernmärkten wie Europa auf 40 Prozent steigern - von derzeit 1,3 Prozent, die der Konzern bislang mit „elektrifizierten" Verbrennermodellen wie dem Golf erreicht. Die Elektro-Offensive hat höchste Priorität. Konzernchef Herbert Diess sagte bei der Führungskräftetagung Mitte Januar in Berlin: ,,Der ID.3 muss auf die Straße."

      Volkswagen wie alle klassischen Automobilhersteller bringt das in eine schwierige Lage. Für den Bau von Elektroautos braucht man weniger Personal als für Benzin- und Dieselmodelle. Ein elektrischer Antriebsstrang hat weit weniger Bauteile als ein moderner Kolbenmotor mit Kupplung, Getriebe und Auspuffanlage. Eine Arbeitsgruppe der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität legte im Januar Berechnungen vor, wonach durch die Ausweitung der Elektromobilität - je nach Produktmix - bis 2030 allein bei der Fertigung von Antriebssträngen 79.000 bis 88.000 Arbeitsplätze verloren gehen könnten - das entspräche etwa zehn Prozent aller heutzutage in der deutschen Automobilindustrie Beschäftigten.

      Zwickau soll für Volkswagen das erste globale Kompetenzzentrum für die Elektromobilität werden. An dem traditionsreichen Standort wurde Anfang des 20. Jahrhunderts die spätere Volkswagen-Tochter Audi gegründet. Während der DDR-Zeit baute man bei VEB Sachsenring den Trabant. Mit derzeit etwa 8.000 Mitarbeitern und einer Produktionskapazität von 300.000 Autos im Jahr hat Zwickau aus Sicht der Konzernführung genau die richtige Größe für den Aufbau der ID.3-Fertigung. Seit 2016 bereitet Volkswagen vor Ort den Umstieg vor. Der letzte Verbrenner, der in Zwickau noch gebaut wird, der Golf 7 Variant, läuft Mitte des Jahres aus.

      Die Zahl der Stellen in Zwickau kann Volkswagen in den kommenden Jahren allerdings nur halten, indem die Produktion deutlich steigt. Statt bislang drei Verbrenner soll das Werk künftig sechs Elektromodelle fertigen. Die Kapazität wird auf rund 330.000 Fahrzeuge im Jahr erweitert - auch durch noch mehr Roboterarbeit. ,,Durch die Neuausrichtung der Produktion steigt der Automatisierungsgrad bei der ID.3-Plattform auf 28 Prozent, von etwa 17 Prozent bei den bisherigen Modellen", sagt Holger Hollmann, der die Arbeit in Halle 5 leitet. Zu sehen ist das jetzt bereits, etwa beim Einbau der Cockpits: An einer Fertigungsstraße montieren Arbeiter die Steuerungseinheit des Fahrzeugs noch mithilfe einer elektromechanischen Hubeinheit. Einige Meter dahinter setzt ein neuer Roboter die Cockpits bereits vollautomatisch ein. Die Fertigung in Zwickau sei derzeit ,,das größte Trainingslager bei Volkswagen", sagt Manager Patrick Hofbauer, der die Aus- und Fortbildung des Personals koordiniert. Rund 3.000 Mitarbeiter bekommen eine spezielle Schulung für die Montage von Elektroelementen, etwa zu den zahlreichen Steckersystemen, die nun verarbeitet werden. 1.500 Werker sollen einen „Hochvoltführerschein" erwerben, damit die komplexe Elektrik der ID.3 und ihrer Schwestermodelle unfallfrei montiert wird. Doch es geht nicht nur um die Produktion.

      Die Mitarbeiter müssen auch mental auf die neue Zeit eingestellt werden. “Viele sind verunsichert, ob die Elektromobilität tatsächlich funktioniert", sagt Ricardo Schönherr, der das Programm leitet. Alle Montagearbeiter werden es durchlaufen, angeleitet von speziell geschulten Kollegen. In eigens dafür ausstaffierten Räumen informieren sie sich in Teams spielerisch über die Geschichte der Automobilindustrie. Dabei lernen sie auch: Die ersten Elektrofahrzeuge wurden bereits in der Mitte des 19. Jahrhundert entwickelt. Von Benzin- oder Dieselmotoren sprach damals noch niemand.


      Quelle: Welt am Sonntag, Ausgabe 26.01.2020
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